„Warum sollten die Jungs abheben? Noch ist ja nichts erreicht!“

Interview mit Fabian Villmeter, Trainer der JBBL Mannschaft des TV1862 Langen

Die JBBL-Giraffen sind bis dato mit lediglich einer Niederlage in der Vorrunde und aktuell drei Erfolgen in der Hauptrundengruppe 3 durch die Saison gefegt. Wie schaffst du es – zusammen mit Teammanager und Organisator Arnd Lewe – die Jungs „hunrig“ zu halten bzw. sie so „zu erziehen“, dass sie nicht abheben und den Boden unter den Füßen behalten?

Gegenfrage: Warum sollten die Jungs abheben? Noch ist ja nichts erreicht! Es ist nicht so, dass ich mich nicht auch über gewonnene Spiele und gute Leistungen unserer Schützlinge freuen würde, aber Grund zum Abheben gibt es bei uns nicht. Ich kenne die Ziele unserer Spieler sehr genau – und alles was ich tue, ist ihnen Tag täglich vor Augen zu halten, was nötig ist um diese Ziele zu erreichen. Das bringt automatisch ein Mindestmaß an Disziplin und Einstellung mit sich. Und bisher kann ich sagen, dass alle JBBL-Jungs toll mitziehen. Das Ergebnis sehen wir momentan an den Wochenenden.

Es ist klar, dass der Coach immer von Spiel zu Spiel denkt, aber was glaubst du, liegt im Bereich des möglichen für das junge JBBL-Team in der aktuellen Saison?

Zunächst mal gucken wir immer erst einmal auf uns selbst. Das heißt, Ziel ist es, die Mannschaft kontinuierlich weiter zu entwickeln, unsere eigene Leistung zu steigern, Fehler zu minimieren und weiter die Abstimmung zu verbessern. Wir sind ja das womöglich jüngste JBBL-Team der Republik mit nur zwei Spielern aus dem älteren Jahrgang (Moritz Overdick und Jakob Merz, beide Jg. 97). Wenn all das gelingt und wir ohne Verletzungen bleiben, werden wir in den Play-Offs eine gute Ausgangsposition haben – mit Breitengüßbach, Bayern München und Urspring sind aber auch mindestens drei ganz starke Mitkonkurrenten um den Einzug ins Final-Four am Start. Wir werden sehen…

In der Basketballwelt wird immer von „guten Jahrgängen“ wie bei einer Flasche Wein gesprochen. Wie sieht es bei den Giraffen für die Zukunft aus resp. was machst du als sportliche Leiter, um eventuell vorhandene Lücken zu schließen?

Das ist richtig – aktuell haben wir mit den 96ern, den 97ern und den 98ern drei ordentliche Jahrgänge im Bereich U16 und älter. Was dann danach kommt, ist momentan noch schwer zu beurteilen. Als BTI sind unsere Einflussmöglichkeiten aber ohnehin gering. Wir können nur mit den Talenten arbeiten, die im Rhein-Main-Gebiet und in Südhessen ansässig sind, denn eine Vollzeit-Internatsstruktur, die auch für Talente aus anderen Teilen Deutschlands offen steht, haben wir nicht zu bieten. Umso wichtiger ist es, dass im TVL im Bereich U10 bis U14 gut gearbeitet wird, so wie es zuletzt Arnd Lewe mit den starken 97/98ern unter Beweis gestellt hat. Das war im Übrigen auch in der Vergangenheit immer die Grundlage für erfolgreiche Mannschaften und gehaltvolle Jahrgänge.

Mit Moritz Overdick, Jona Hoffmann, Paul Schlegel und vielen anderen guten Spielern, scharren einige Akteure in der Zukunft am ProB-Team. Was wird aktuell deinerseits in Rücksprache mit den Spielern, den Eltern und den anderen Coaches getan, um „die Jungs“ bestmöglich zu entwickeln? Gibt es so etwas wie sportliche Entwicklungspläne? Und wenn ja, wie sehen diese aus bzw. wie werden diese erstellt?

Zunächst muss man feststellen, dass die Gegebenheiten für all diese Talente am Standort Langen ausgesprochen gut sind, eben weil wir eine ProB-Mannschaft haben und auch bisher immer bereit waren, junge Spieler, parallel zum Wettkampf in den Jugendteams und der individuellen Ausbildung im BTI, auf diesem Level weiter zu fördern, wenn sie soweit sind. Welchen Weg jeder einzelne geht, kann ganz unterschiedlich sein. Ich bin in sehr engem Kontakt mit jedem der Spieler, schon alleine weil ich sie alle im Individualtraining habe – aber auch mit ihren Eltern und ihren Coaches in der U18 und den 2. und 1. Herren, Rainer und Ty stehe ich im Austausch.

Ziel für jeden Nachwuchsspieler ist es, über die JBBL, U18, hoffentlich bald wieder NBBL und unsere 2. Herren in der Oberliga, den Sprung in den Kader der ProB-Mannschaft zu schaffen. Ob und mit welchem Tempo das gelingt, liegt zum Teil an den Athleten selbst, aber manchmal auch an Dingen, die man schlecht beeinflussen kann (Verletzungen, Belastung in der Schule, mehrere Spieler auf einer Position etc.).

Aktuell haben wir mit Paul Schlegel und Malte Jöst zwei Nachwuchsspieler bei den 2. Herren dabei und Paul ist zudem noch mehrmals pro Woche im ProB-Training. Beide sind auf einem sehr guten Weg und ich traue auch den anderen Spielern eine ähnliche Entwicklung zu. Entscheidend ist, dass die Jungs den Ehrgeiz und die Einstellung nicht verlieren, geduldig sind und auf ihre Chancen warten. Gerade durch die Angebote im Basketball-Teilzeit-Internat haben sie neben dem Basketball, auch im Bereich des Athletiktrainings, der Physiotherapie und der schulischen Betreuung, recht professionelle Bedingungen. Wir Trainer sitzen regelmäßig zusammen und überlegen uns die jeweils nächsten Schritte für jedes einzelne Nachwuchstalent und versuchen dementsprechend zu steuern.

Die großen Vereine der Republik haben in sämtliche Richtungen ihre Fühler ausgestreckt. Was muss deiner Meinung nach getan werden, um die Talente solange wie möglich und so „sinnvoll“ wie möglich an den Standort Langen zu binden?

„Sinnvoll“ ist aus meiner Sicht das entscheidende Wort in dieser Fragestellung. Es ist kein Geheimnis, dass wir vollkommen offen sind, wenn sich unsere Spieler auch über das ProB-Level hinaus weiterentwickeln möchten und deshalb die Herausforderungen in der ProA, der BBL oder an einem amerikanischen College suchen, so wie wir es mit Robin Benzing, Kai Barth, Ruben Spoden oder zuletzt Patrick Heckmann erlebt haben. Aber eben alles zu seiner Zeit. Aktuell würde es mich freuen, wenn es erstmal möglichst viele TVL/BTI-Eigengewächsen in unsere ProB-Mannschaft schaffen würden. Wenn sich dann bei einem der Youngster herausstellt, dass ein Wechsel weg aus Langen sinnvoll ist, dann werden wir mit Rat und Tat zur Seite stehen und versuchen diesen Prozess mit zu lenken; denn ein bisschen Erfahrung haben wir ja auf dem Gebiet inzwischen auch. Bis dahin glaube ich, dass jeder einzelne bei uns sehr gut aufgehoben ist und hier grundsätzlich alle Möglichkeiten vorfindet, sich hervorragend weiter zu entwickeln.

Wenn eine gute Fee dir eine Millionen Euro schenken würde, die du zweckgebunden am Standort Langen investieren müsstest, wie sehe dein Investitionsplan aus?

Ein paar Ideen würden mir da sicher kommen… Es ist offensichtlich, dass die gute, alte Georg-Sehring-Halle zumindest ein Facelifting nötig hätte. Es ist dunkel, kalt, es riecht schlecht aus den Toiletten und insgesamt ist die Halle zu den Stoßzeiten im Trainingsbetrieb zu voll. All das hat negative Auswirkungen auf die tägliche Trainingsarbeit. Unser Kraftraum ist vom Platz und der Ausstattung her an der Kapazitätsgrenze, einen zusätzlichen Gymnastikraum für Physiotherapie und Verletzungsprophylaxe, sowie einen Raum für Video-Analyse und Mannschaftssitzungen könnte ich mir gut vorstellen – von unseren Büros gar nicht zu sprechen. Auch den Bereich „betreutes Wohnen“ für auswärtige Jugendspieler könnte man mit mehr finanziellem Spielraum sicherlich angehen. Ich glaube, da gibt es unzählige Felder die man nennen könnte und in die es sich auch richtig lohnen würde zu investieren.

Jeder, der in seiner Kindheit bzw. Jugend Sport getrieben hat, weiß um das (Mit-)Wirken der Eltern. Wenn Mama und Papa das Kind nur abliefern, mitbrüllend auf der Tribüne sitzen bzw. den Co-Trainer mimen und sowieso alles besser wissen. Welche Rolle spielen für dich und deine Arbeit die Erziehungsberechtigten bzw. welche Erwartungshaltung hast du an Mama und Papa?

Ich muss sagen, dass war in den Teams, die ich bisher trainierte, immer recht einfach. Wir verlangen ja so einiges von den Eltern unserer Spieler – und ohne sie würde es auch nicht funktionieren. Da stehen viele Fahrten an sowie Unterstützung bei den Heimspielen. Gerade in den Jugend-Bundesligen mit Video, Scouting, Kampfgericht, Kuchentheke ist unheimlich viel zu tun. Aber in sportliche Belange haben sich die Eltern nicht einzumischen. Da geht es nicht darum, dass man nicht im Dialog ist und sich über die Situation des Jugendlichen austauscht – ganz im Gegenteil, das ist sehr wichtig! Aber was Basketball angeht gibt es nur eine Bezugsperson für die Spieler: und das ist ihr Coach. Bei mir verstehen das alle Beteiligten eigentlich immer recht schnell.

Zum Abschluss des Interviews hätten wir gerne noch gewusst, wo du den (Jugend-)Basketballstandort Langen in zehn Jahren siehst?

Ups, jetzt habe ich meine Kristallkugel blöderweise zu Hause vergessen. Nein – im Ernst: Das ist schwer zu sagen. Die grundsätzliche Struktur und die Möglichkeiten in Langen sind immer noch ausreichend ein richtig guter Standort für Nachwuchsförderung in Deutschland zu sein. Aber die nationale Konkurrenz entwickelt sich enorm, gerade an BBL-Standorten. Und es wird davon abhängen, wie sich die Bedingungen in Langen weiter entwickeln. Wird es irgendwann die Möglichkeit geben auch Vollzeit-Internatsplätze anzubieten? Wie geht es mit der Hallenproblematik weiter? Gelingt es die Etats der ProB-, aber auch die der Jugend-Bundesligateams zu stemmen, ggf. aufzustocken? All das sind Fragen, deren Beantwortung im Moment wohl schlicht unmöglich sind, die aber für den Basketballstandort Langen ein große Rollen spielen werden.

Fabian, wir danken die für deine Zeit und drücken dir, dem BTI und allen Jugendteams ganz fest die Daumen.

Danke!

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